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Künstlerische Werkstatt

Künstlerische Werkstatt „100 Changes“ - Januar 2016

Tag 1 - Das Museum Charlottenburg – Wilmersdorf in der Villa Oppenheim ist montags geschlossen. Wir nehmen vorerst mit einer verkleinerten Kopie des Bildes „Hardenbergstraße“ (1914) von Friedrich Kallmorgen vorlieb. Wir skizzieren: die Kompositionslinien, Form und Inhalt. Alle Linien führen zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Eine Ausgabe des Magazins „Charlottenburg-Wilmersdorf“ zeigt die berühmte Kirche auf dem Titelblatt. Sie wird im Laufe der Werkstatttage mit unterschiedlichen ästhetischen Zugriffsweisen von jedem Teilnehmer individuell bearbeitet. Um die Mittagszeit machen wir uns auf – Papiere, Graphitstifte, Besen, Tücher, Kameras und Handys im Gepäck. Wir schauen, wie es in der Hardenbergstraße heute aussieht, fotografieren und nehmen den Standpunkt des Malers ein: eine Baustelle. Wir nehmen Frottagen auf unserem weiteren Weg, nehmen Fotos, von dem, was wir  finden: einen Stolperstein, ein Mahnmal.

Tag 2 - Die Fotos sind ausgedruckt, die Frottagen liegen vor uns. Was haben wir gestern gesehen? Wir sortieren: scharfe und unscharfe Fotos, Hochformate und Querformate. Wir ordnen nach Themen: Essen, Tiere, Ausstellungsstücke, Fundstücke, Gebäude, Verkehrsmittel, wertvolle Gegenstände, Schrift/Geschriebenes, runde Formen, ... Unsere Leinwand im Atelier ist groß. Um die Mittagszeit machen wir uns auf – siehe Tag 1! Auf unserem Weg entdecken wir: die Bodenstruktur des Bürgersteigs und die der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Boden und Wände im Bikini Berlin, das Walldorf Astoria mit seinen prominenten Unterschriften, der Concièrge ist freundlich zu uns, beantwortet unsere Fragen.

Tag 3 - Wieder sichten wir Frottagen und Fotos von Tag 2, zwischendurch gestalten wir am eigenen Bild. Wir fügen die Fotos nach Themen sortiert in die Filmschablone ein, legen sie am Band als Rahmen auf die Leinwand (200 x 190 cm). Es fehlen noch Fotos! Wir müssen wieder los in die Hardenbergstraße! Siehe Tag 1 und 2. Eine Auswahl der vielen Spuren zu treffen, die wir mit der Frottage genommen haben, ist herausfordernd! Alle Frottagebahnen aufkleben? Einen Schwerpunkt setzen? Welchen? Wir legen Bahnen auf die Leinwand, schauen, verwerfen. Inhaltlich bietet sich an: Detail-Frottagen des Bodenmosaiks „Erzengel Michael und der Drache“ aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. In den drei monotheistischen Religionen ist das ein wichtiges und ernstes Thema. Es geht um einen Kampf zwischen Gut und Böse. Eine „Kreuz - ung“ liegt in der Mitte. Darunter platziert ein Teil des Berliner Schmuckkanaldeckels. Eine ziemlich wacklige Angelegenheit! Die Frottage des Stolpersteins für Otto Reinhold Siegel, der in Königsberg 1944 ermordet wurde, links im Bild unterm Kreuz; rechts unterm Kreuz die Frottage vom Denkmal für Cemal Kemal Altun, der sich 1983 aus dem Gerichtsgebäude in der Hardenbergstraße gestürzt hatte, weil sein Asylantrag abgelehnt worden war. Die Frottage bringt hervor. Welche Farben passen? Wir entscheiden uns und mischen gedeckte Farben.  Erste zaghafte Versuche mit breiten Pinseln werden zu entschiedenen Pinselstrichen.

Tag 4 - Hochformatige Fotos von Tag 3 sichten und sortieren, in die Filmstreifen kleben. Die ersten Filmstreifen auf die Leinwand kleben. Weiter gedeckte Farben auftragen. Ein Rahmen aus den Fotos der Teilnehmer entsteht. Kleister klebt. Die Leinwand ist nass. Sie muss trocknen. - Wir lassen alles stehen und liegen und laufen in das Museum Charlottenburg - Wilmersdorf. Hier sehen wir das Bild Friedrich Kallmorgens, 200 x 132 cm, das vor rund 100 Jahren im Auftrag der Stadt Charlottenburg entstanden ist. 100 Jahre - 100 Changes? Schau nach und vergleiche selbst! Mach dir ein eigenes Bild, fotografiere, zeichne, male, dreh Filme! Die Hardenbergstraße wandelt sich täglich. Nur montags ist das Museum geschlossen, die Hardenbergstraße ist Tag und Nacht geöffnet.

Das Bild kann im Original im Rathaus Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee, angeschaut werden.